Sizarr

Biografie

Vielleicht liegt es ja wirklich am Internet, aber eine Band wie Sizarr wäre noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen. Musik aus der deutschen Provinz, dem oberpfälzischen Landau, der man weder den Produktionsort noch das jugendliche Alter der Protagonisten anhört. Dass sich Sizarr allerdings wenig für vermeintliche Gesetze interessieren, verdeutlichte bereits das 2012 erschienene Debüt der Band, »Psycho Boy Happy«. Damals wurde deutlich: Grenzen akzeptieren Sizarr weder in der Musik noch zwischen Denkmodellen oder Ländern.

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Aus dieser freigeistigen Herangehensweise ergibt sich eine Offenheit und Internationalität, deren einziger Fixpunkt im inneren Zusammenhalt dieser Musiker und ihren festen Überzeugungen liegt. Das verdeutlicht das zweite Sizarr-Album, »Nurture«, mehr denn je. Die prägende Zeile auf »Psycho Boy Happy« lautete: »The Kids take over now«. Zwei Jahre später ist diese Kampfansage einer elegischen Reife gewichen. »Nurture« ist keine aufrührerische Platte, sondern das überragende musikalische Zeugnis einer gewachsenen Band, wie es sie in diesem Land kein zweites Mal gibt. Natürlich stammen diese zehn neuen Songs unverkennbar von Sizarr. Aber die Musik der Band hat eine enorme Verdichtung und Veredelung erfahren.

 

Eine beachtliche Entwicklung, wenn man die Hintergründe betrachtet. Denn viel Zeit zum Erwachsenwerden blieb Fabian Altstötter, Philipp Hülsenbeck sowie Marc Übel nicht. »Psycho Boy Happy« katapultierte die bereits seit der Jugend miteinander musizierenden Freunde auf Anhieb in andere Sphären. Sizarr spielten beim SXSW in Texas, tourten international mit Bands wie Vampire Weekend, Animal Collective und den Editors. Auch die eigenen Konzerte waren zuverlässig ausverkauft, »Psycho Boy Happy« stieg in die deutschen Album-Charts ein, Sizarr erspielten sich bei zahlreichen Festivals ein immer größer werdendes Publikum und waren für den Kritikerpreis des Echo nominiert. Die deutsche Presse eroberten sie im Sturm und irgendwann schrieb der ehrwürdige »Guardian« in gewohnt nüchterner Diktion folgendes: »Sizarr are lucky guys. These three guys have a very distinctive style, together they create modern electronica landscapes inspired by many other genres.« Als all diese Dinge passierten, waren die Musiker gerade volljährig geworden. Es hätte ihnen wohl keiner übel genommen, wenn sie zwischendurch mal ein bisschen durchgedreht wären. Doch als Sizarr nach dem ganzen Wahnsinn wieder zusammen kamen, machten sie folgendes nicht: Einen Starproduzenten engagieren. Nach Los Angeles in ein absurd teures, aber sehr bekanntes Studio gehen, um dort sehr viele Drogen zu nehmen. »Wir fühlen uns in einer extrem komfortablen Lage, weil wir endlich von dem leben können, was wir machen«, sagt Fabian. »Das einzige, was uns in dieser Situation interessiert, ist unsere künstlerische Weiterentwicklung.« Um dieser Rechnung zu tragen, trafen sie sich abermals im Studio von Markus Ganter, der bereits das Debüt gemeinsam mit der Band produziert hatte, sein erstes Album als Produzent und in der Zwischenzeit durch Arbeiten für unter anderem Casper und Tocotronic sein Portfolio erweitert hat. Das personelle Set-up für die Arbeit am zweiten Album, so viel stand fest, sollte dasselbe bleiben wie beim ersten Werk. Über diesen groben Rahmen hinaus gab es allerdings keinerlei weitere feste Pläne für die Produktion von »Nurture«: Seit frühester Jugend waren Sizarr immer nur ihrem Instinkt gefolgt. Der hatte sie weit gebracht, so sollte es weitergehen.
Und so begann die Band ziemlich genau vor zwei Jahren, neue Songs zu schreiben. Im Proberaum. Zu dritt. Aus diesen ersten Sessions ergaben sich Fragmente, aber eigentlich ist die klassische Herangehensweise nicht der Stil dieser Band. Sizarr sind eine Rockband mit den Mitteln eines Bedroom-Producers. Jeder arbeitet daheim für sich, vor allem Fabian und Philipp schreiben die Songs, die Ergebnisse werden herumgeschickt, ergänzt und gemeinsam mit Ganter ausgearbeitet.

 

Eine Arbeitsweise, schon aufgrund der räumlichen Situation nötig geworden war: Im Zuge der Produktion zogen alle drei Musiker in unterschiedliche Städte. Und so entstanden die »Nurture«-Songs in Heidelberg, Berlin, Hamburg und Leipzig. Aufgenommen wurde das Meiste schließlich im Erfurter Atomino-Studio. Bis dahin war es indes ein weiter Weg. Das alte Problem: Fürs erste Album hat man das ganze Leben Zeit, für das zweite nur wenige Jahre. Die Band durchlief einen kräftezehrenden Prozess und stieß immer wieder auf Schwierigkeiten. »Vom äußerlichen Druck konnten wir uns sehr gut befreien«, sagen Sizarr. »Das Problem bestand eher darin, unseren eigenen Erwartungen zu genügen. Das Debüt sind wir noch relativ naiv angegangen, ohne groß nachzudenken. Jetzt aber gab es immer wieder Ideen und fertige Songs, mit denen ich mich plötzlich nicht mehr identifizieren konnte. Am Ende sind wir mit den Aufnahmen zufrieden, aber es war ein sehr schwieriger Prozess.« Die Mühe hat sich gelohnt: Tatsächlich ist »Nurture« eine im besten Sinne souveräne, reife und enorm vielseitige Platte geworden, deren spielerischer Leichtigkeit man die Mühen der Produktion zu keinem Zeitpunkt anhört. Natürlich sind Sizarr nicht frei von prägenden Einflüssen: »Clam« ist eine Hommage an den Synth-Pop der Eighties, »I May Have Lied To You« erinnert an Chris Isaac und The Smiths. Allerdings transformieren Sizarr diese Inspirationen ins Hier und Jetzt und brechen sie immer wieder mit unerwarteten Wendungen wie etwa der ächtzenden Gitarre im Mittelteil von »Clam«, die dem an sich leicht-luftigen Song noch mal eine ganz andere Wendung verleiht.
Das Erstaunlichste aber ist, dass Fabian Altstötter solche Songs tatsächlich mit der gleichen flehenden Grandezza wie die eben genannten Vorbilder singt. Diese frei oszillierende und im nächsten Moment fest zupackende Stimme illustriert womöglich am besten die Arbeitsweise dieser Band. Erscheint der Gesang doch tatsächlich wie eine Fortführung der gedanklichen Prozesse im Zuge der kreativen Arbeit mit anderen Mitteln: Ausgangspunkt für beinahe alle Songs ist eine in alle Richtungen bestehende Offenheit, die indes stets auch von Zweifeln, einer ständigen Suche, einem Abwägen begleitet wird. Irgendwann kommt dann die Erkenntnis, ganz klar und eindeutig. In solchen Momenten klingt eine Paul-Simon-inspirierte Fröhlichkeit und Leichtigkeit durch, wie sie auf »Nurture« etwa dem Refrain von »Baggage Man« anzuhören ist. Kurze und willkommene Momente des Lockerlassens – auf denen sich Fabian jedoch nicht ausruht, im Gegenteil. Wie alle großen Pop-Melancholiker der letzten 50 Jahre von Bowie bis Walker hat auch Fabian eine Stimme, die das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen in sich vereint. Der man ihr Alter nicht anhört, die weder Schwerkraft noch tonale Grenzen kennt. Dieses stetige An- und Abschwellen korrespondiert auf »Nurture« trefflich mit der Dynamik der Musik, wie sie vorbildlich in »Scooter Accident« vollzogen wird. Ein Song, der von morbider Elektronik und Radiohead-haften Synth-Flächen bis zur schwelgerischen Pop-Explosion das komplette musikalische Spektrum dieser Band von Post-Punk bis Post-R&B zusammenfasst. Atonales geht hier selbstverständlich in Harmonieseligkeit über, Verzweiflung in einen hoffnungsvollen Aufbruch.
Auch wenn die internationale Orientierung der Band überaus wichtig ist, hat Fabian sich zuletzt auch mit seinen geographischen Wurzeln beschäftigt. »Ich habe viel deutsche Sachen gehört und mich sehr in die Sprache verliebt«, sagt er. Insbesondere der frühe deutsche Punk und dessen Übergang in die NDW haben es ihm angetan. Als Folge dessen gibt es auf »Nurture« nun vereinzelt auch deutsche Sprachfetzen. »Früher war ich da zu jung für«, sagt Fabian, »Deutsch fand ich irgendwie affig. Bei den neuen Texten kam es allerdings vor, dass ich deutsche Worte hatte, von denen ich nicht wusste, wie ich sie übersetzen sollte, also hab ich sie so belassen.« Und diesen wenigen, aber prägnanten Momenten kommt auf »Nurture« nun eine ähnliche Bedeutung bei wie den englischen Sätzen im Werk von Jochen Distelmeyer: Sie erregen zusätzliche Aufmerksamkeit, fungieren als Stolpersteine und verleihen etwa einem Song wie »Baggage Man« zusätzliche Tiefe.

 

Überhaupt die Texte: Ähnlich wie Morrissey wirken manche von Sizarr’s Texten in aufgeschriebener Form zu gewaltig für den popmusikalischen Rahmen. Die schiere Menge droht das Format zu sprengen. Einmal gesungen und von der perlenden Leichtigkeit der Sizarr-Musik garniert, fließen die Worte jedoch wie von selbst dahin. Es geht um Reifeprozesse, Erwachsenwerden, was auch immer das ist. Um die großen Fragen der Existenz und des Seins. Themen, die nun auch das von Fabian entworfene Artwork von »Nurture« illustriert: »Die Frage ist, welche Teile den fertigen Menschen formen« sagt er. »Das Artwork passt hier ebenso wie der Titel »Nurture« in all seinen Übersetzungen: Erziehung/Ernährung und in der Theorie: nature vs. nurture, also der Kampf zwischen Umwelt und Anlage.« Fabian Altstötter hat mehr Fragen als Antworten. So lange es die richtigen Fragen sind – und das ist auf »Nurture« unbedingt der Fall –, ist das in einer Welt, in der immer geifernder um vermeintlich allgemeingültige Wahrheiten gestritten wird, eine ganze Menge wert.

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Diskografie

Nurture 2015
Psycho Boy Happy 2012

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