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Nobodys Face

Biografie

Zwischen Friedrichshain und Lichtenberg, mitten auf der Frankfurter Allee, ragen bedrohliche Plattenbauten in die Höhe. Ein ehemaliges Stasi-Gebäude nahe dem U-Bahnhof Margaretenstraße wurde von der Green-Berlin-Posse um Nobodys Face, Kid Simius und Freunden zum Hangout-Spot umfunktioniert und “Wir waren mal Stasi”- Studios getauft: Eine kreative Zelle, in der von Kid Simius über Tua bis K-Paul und eben Nobodys Face ihre Studios betreiben und wo man sich gegenseitig mit Ideen und Austausch befruchtet. Man könnte diese Gegend von Berlin ein “Niemandsland” nennen, schon weil sich der durchschnittliche Easyjet-Raver dorthin eher nicht verirrt. “Niemandsland” heißt auch das beeindruckende Debütalbum von Nobodys Face, meint aber eher eine musikalische Landschaft, die der Produzent mit seiner ganz eigenen Soundhandschrift beschreibt.

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Rostock, kurz nach der Jahrtausendwende. Im HipHop-Untergrund der Hansestadt gibt es verschiedene Crews und Freundeskreise, die sich miteinander an Rapmusik versuchen. Zu einer davon gehört Nobodys Face, genau wie seine Freunde mag er die dreckigen, sperrigen Beats von Company Flow und Kool Keith, Quasimoto und Dizzee Rascal. Seine Haupteinflüsse sind progressiver HipHop und elektronische Musik, sein künstlerischer Mindstate auf innovative Offenheit statt Mainstream-Gleichförmigkeit angelegt. Irgendwann in den frühen nuller Jahren lernt er Marteria kennen und wird schließlich sein Live-DJ. Als das Marsimoto-Debüt “Halloziehnation”-beim Darmstädter Indie-Label Magnum12 erscheint, platziert Nobodys Face seinen ersten Producer Credit. Der Rest ist, wie man pathetisch sagt, Geschichte.

Nobodys Face ist ein Teamplayer, der sich dank seiner stillen, beinahe introvertierten Persönlichkeit niemals in den Vordergrund spielt. Und der gleichzeitig so wichtig und zentral für die Vision des Green-Berlin-Teams war und ist. Als DJ und Producer blieb ihm neben seiner Arbeit für Marteria/Marsimoto stets genügend Zeit und Raum, um in Ruhe seinen eigenen Soundentwurf zu entwickeln und zu definieren. Zu jedem Marsimoto-Album, das in den letzten 10 Jahren erscheint, trug er mehr Produktionen bei und brachte sich auf musikalischer Ebene immer weiter ein.

Mit “Niemandsland” kartografiert Nobodys Face nun zum ersten Mal auf umfassende Weise seine eigene musikalische Sozialisation und den Stand seiner Kunst. Es ist ein konzeptuelles Album, das 24 fiktive Stunden im Leben des Wahlberliners Henrik Miko beschreibt. Diese 24 Stunden beginnen in einer Großstadt, die Berlin sein könnte. “Abendrot” klingt nach dem Start einer außergewöhnlichen Nacht zwischen Warschauer Brücke und Halleschem Tor, in der alles möglich scheint. Zusammen mit Tua gibt es “Hektik” und hedonistische Ausraster im Nachtleben, doch dann heißt es auch schon “Slow Down”. Das Melvin-van-Peebles-Sample “Good Morning Sunshine” ist gleichzeitig eine Madlib-Referenz als auch der tatsächliche Hinweis auf den Morgen danach. Es geht raus aus der Stadt offene Land (“Bad Kleinen”), Marsimoto beschreibt einen “Happy Day” und am Schluss steht das Wichtigste überhaupt: Die Musik (“Der Plattenproduzent”).

Einige Songs auf “Niemandsland” scheinen für den Kopfhörer oder die Autolautsprecher konzipiert, doch es gibt ebenso viele Momente für die vernebelten Dancefloors des Landes, auf denen deutscher HipHop genau wie elektronisch inspirierte Musik derzeit so sehr dominieren wie nie zuvor. Manche der Kompositionen bleiben instrumental und bestehen aus zeitlosen bis zeitgemäßen HipHop-Beats, Samples und Soundelementen, die man ganz generell der Welt der elektronischen Musik zuordnen würde. Die Eigenständigkeit der Produktionen von Nobodys Face liegt darin begründet, dass er Elemente miteinander verbindet, die vordergründig nicht zusammen passen dürften. Dogmen und Regeln sind nun mal nicht seins.

Auf anderen Stücken kommen wiederum Vokalisten zu Wort, allerdings ausschließlich solche von Ausnahmequalität: Tua, der auf “Hektik” ausnahmsweise mal wieder das Doubletime-Monster von der Kette lässt und beweist, dass er — wenn er denn will — zweifelsohne zu den besten Rappern dieses Landes gezählt werden muss. Chefket, der mit seinem Beitrag “Anti” einmal mehr seine Dreifach-Qualitäten als Sänger, Songwriter und Rapper unter Beweis stellt. Und natürlich der alte Wegbegleiter Marsimoto, der auf “Happy Day” zu seinen Wurzeln zurückkehrt und statt den elektronischen Eskapaden seiner letzten Alben hier auf eine wolkig-souligen Beat rappt, der aus dem Gesamtbild des Albums deutlich heraussticht, ohne es auch nur in Ansätzen zu torpedieren. Mit “Niemandsland” hat Nobodys Face eine musikalische Welt erschaffen, die aus seiner Sozialisation und seinen Einflüssen zwischen HipHop und elektronischer Musik gespeist wird, dabei aber einen ganz eigenen, speziellen Geist in sich trägt. Chefket, Tua und Marsimoto rappen. Kid Simius spielt Gitarre. Nobodys Face produziert. “Niemandsland” ist eine Familienangelegenheit. So wie es bei Green Berlin immer war — und wahrscheinlich immer sein wird.

 

Stephan Szillus
Berlin-Neukölln, September 2016

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